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Unsere Tierschutz-Themen von A-Z

Tiertransporte - Schluss mit Lebendtransporten

Auf Höllenfahrt in den Tod

Fünf Tierschutzorganisationen fordern Ende der Lebendtierexporte

Das Bündnis für Tierschutzpolitik fordert von der Bundesregierung, auf einzelstaatliche Abkommen zu Lebendexporten von Schlachttieren gänzlich zu verzichten und die damit verbundenen Höllenfahrten zu stoppen. Dieses Ziel muss in der nationalen Nutztierstrategie verankert werden, wenn die Bundesregierung die Gesetze zum Schutz der Tiere ernst nimmt.

 

Jährlich verlassen Millionen Tiere die Europäische Union, um eine leidvolle und lange Reise in Drittländer anzutreten. Häufige Ziele sind die Türkei, Nordafrika und der Nahe Osten. Oft fehlt es an Nahrung, Wasser und notwendiger tierärztlicher Versorgung. Viele Tiere verenden qualvoll auf ihrer Reise über das Mittelmeer.

"Und wieder haben wir eine schockierende Dokumentation über das unermessliche Leid von Schlachttieren gesehen. Wie oft soll noch dokumentiert werden, was selbst in Brüssel angekommen sein müsste - nämlich dass Schlachttiere außerhalb der Europäischen Union Qualen auf Langstreckentransporten erdulden, die so groß, so ungeheuerlich sind, dass es einem den Atem verschlägt", kommentiert Dr. Jörg Styrie, Geschäftsführer des BVT, den gestrigen 37-Grad-Beitrag (ZDF) von Manfred Karremann. 

Deutschland verfügt über mindestens sechszehn einzelstaatliche Abkommen zu Lebendtierexporten in Drittländer. Immer wieder kommt es zu schweren Tierschutzvergehen beim Langstreckentransport von lebenden Tieren. Daran ändern auch bestehende Gesetze zum Schutz von Nutztieren beim Transport nichts, denn ihre Umsetzung wird nur stichprobenartig innerhalb der EU kontrolliert – außerhalb der EU gelten sie nicht.

Das Bündnis für Tierschutzpolitik unterstützt weiterhin die wertvolle Aufklärungsarbeit der Animal Welfare Foundation (AWF) sowie der Animals Angels, die immer wieder grobe Missstände bei Lebendtiertransporten aufdecken.

Forderungen Internationale Tiertransporte

Zum Bündnis für Tierschutzpolitik gehören die Albert Schweitzer Stiftung für unsere Mitwelt. der Bundesverband Tierschutz e.V. (BVT), der Bund gegen Missbrauch der Tiere e.V., PROHVIEH und Vier Pfoten-Stiftung für Tierschutz.

Tierversuche - Affen im Abgas

Unser Protest an VW: Wir fordern Wiedergutmachung

Unterstützen Sie unsere Kampagne:

Wir fordern von VW eine Wiedergutmachung für die grausamen Tierversuche an Primaten. VW möge 1 Million Euro in die Erforschung von Alternativen zum Tierversuch stecken. Alle Hintergründe lesen Sie im Text.

 

Man sperrt zehn Primaten in einen Raum, pumpt über fünf Stunden Dieselabgase hinein - und versucht mit dieser Studie die Harmlosigkeit von Dieselemissionen zu belegen.  

Die Studie an Affen haben die drei Automobilkonzerne VW, Daimler und BMW 2013 über ihre 2007 gegründete Lobbyorganisation "Europäische Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor" (EUGT) in Auftrag gegeben. Als Ende Januar die "New York Times", gestützt auf Gerichtsunterlagen und Regierungsdokumente, über die Tierversuche berichtete, distanzieren sich die Autokonzerne sofort. Man "toleriere keine unethische Behandlung von Tieren" (Daimler), "führe keine Tierversuche durch und habe an der Studie nicht mitgewirkt" (BMW) und "nehme die Kritik an der Studie ernst" (VW). Der Vorstandsvorsitzende der Volkswagen AG Matthias Müller erklärte inzwischen gegenüber der BILD-Zeitung, dass sein Konzern künftig auf Tierversuche verzichten werde.     

"Die Skrupellosigkeit der Industrie ist schockierend, beschämend und verwerflich", sagt Dr. Jörg Styrie, Geschäftsführer des Bundesverband Tierschutz. "Um krebserzeugende Dieselabgase schön zu reden, fanden im Wissen aller drei Autokonzerne Versuche an unseren nächsten Verwandten statt." Allerdings sind diese, im Zusammenhang mit der Dieselaffaire bekannt gewordenen, Versuche nur die Spitze des Eisberges: Primaten müssen täglich in Deutschland toxikologische Tests über sich ergehen lassen, deren Verwertbarkeit gegen Null gehen. 1789 Affen wurden 2016 zu Tierversuchen herangezogen, in denen ihnen giftige Substanzen verabreicht wurden.  

Wie die "Ärzte gegen Tierversuche" ausführen, erhalten die Primaten bis zu 28 Tage toxikologische Stoffe und werden danach in der Regel getötet, damit die Organe untersucht werden können. Bei den chemischen Substanzen handelt es sich um Farben, Abgase und Medikamente, die den Tieren verabreicht werden. Über 80% der in Versuchen eingesetzten Affen müssen in Giftigkeitsprüfungen leiden. Dabei steht für seriöse Wissenschaftler außer Frage, dass sich die Ergebnisse aus Tierversuchen nicht auf den Menschen übertragen lassen.  

Tierschutzverbände fordern immer wieder eine Gesetzesänderung, die besonders grausame Tierversuche sofort verbietet. Ziel ist eine grundsätzliches Verbot aller Tiersuche und die weitaus stärkere Förderung  von Alternativmethoden als bisher.

Die EUGT, die 2007 von VW, Daimler und BMW gegründet (und 2017 aufgelöst) wurde, hat 2013 die Testreihe an Javaneraffen im Lovelace Respiratory Research Institute im US-Bundesstaat New Mexiko durchführen lassen. 2016 förderte die EUGT Experimente an Menschen, die sich über mehrere Stunden Stickstoffdioxid aussetzen ließen. Doch während Menschen freiwillig an solchen fragwürdigen und potentiell gesundheitsgefährdenden Versuchen teilnehmen, haben Versuchstiere keine Wahl. "Das Recht auf Unversehrtheit wird trotz Tierschutzgesetz und Verankerung im Grundgesetz den Tieren nicht wirklich zugestanden", kritisiert Dr. Jörg Styrie.  

Und so haben wir die perfide Situation, dass Automobilkonzerne über Jahre Abgasmanipulationen betrieben haben, um den Schadstoffgehalt der Dieselabgase kleinzureden - und nun Affen in einen Raum sperren und sie zwangsweise Auspuffgase einatmen lassen. Das Ergebnis der "Studie" stand von vornherein fest: Die Abgase vom Diesel hätten keine Auswirkungen auf die Gesundheit, weil VW effiziente Abgasreinigungsverfahren zum Schutz der Menschen und der Umwelt entwickelt habe.   

Ursprünglich sollten die Abgastests an Menschen durchgeführt werden, wie die ZEIT und der SPIEGEL übereinstimmend berichten. Weil die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Dieselabgase jedoch als krebserzeugend eingestuft hatte, äußerten hatten die Konzernanwälte Bedenken, Versuchsreihen mit menschlichen Probanden ablaufen zu lassen - und  rieten stattdessen zur Verwendung von Affen. Die Testergebnisse wurden nicht veröffentlicht, gleichwohl ist nichts über das Schicksal der Versuchstiere bekannt. 

Die Wolfsburger scheinen auch in der Vergangenheit keine Skrupel gehabt zu haben, Primaten und andere Tierarten in Abgastests leiden zu lassen. In den 90er Jahren soll der VW-Konzern im Verbund mit dem US-Energieministerium Forschungsarbeiten finanziert haben, in denen das Lungengewebe von Affen aus einer fürchterlichen Versuchsreihe aus den 80er Jahren herangezogen wurde. Bei diesen Tests, so der SPIEGEL, wurden Javaneraffen zwei Jahre lang, an fünf Wochentagen jeweils sieben Stunden am Tag in einem Behälter sitzend mit Dieselemissionen begast. Die Tiere wurden nach der Marter getötet, das Lungengewebe untersucht. Auch Ratten wurden auf diese inhumane Weise gequält.

Und das können Sie als Verbraucher und als Auto-Käufer tun

Unterzeichnen Sie unsere Protestkarte an den VW-Vorstandsvorsitzenden Matthias Müller. Wir werden den Protest nach Wolfsburg tragen und ein Gespräch mit der Konzernspitze suchen.

Wir wollen wissen: Wird VW in Zukunft wirklich - wie öffentlich zugesichert - auf Tierversuche mit Affen und allen anderen Tierarten verzichten? Oder umgeht der Konzern auch bei diesem sensiblen Thema wieder die Wahrheit?

Wenn Sie selber eine Protestnote an die Konzerne schicken wollen, finden Sie hier die Kontaktdaten:

Schreiben Sie an

Matthias Müller

Vorstandsvorsitzender bei Volkswagen AG

Berliner Ring 2

38440 Wolfsburg

vw@volkswagen.de

 

Harald Krüger

Vorstandsvorsitzender BMW AG

Heidemannstraße 164

80788 München

kundenbetreuung@bmw.de

 

Dieter Zetsche

Vorstandsvorsitzender Daimler AG

70546 Stuttgart

dialog@daimler.com

 

Im Kasten

Belastung für Lungen kann längst ohne Tierversuche getestet werden

Dass diese Tierversuche überhaupt an die Öffentlichkeit gelangten, ist nach Recherchen der ZEIT und der Süddeutschen Zeitung dem Dokumentarfilmer Alex Gibney zu verdanken. Er trieb die Ermittlungsakten für die Netflix-Doku "Dirty Money" auf. Der Film zeigt zehn Primaten im Testlabor. Durch ein Rohr werden über fünf Stunden Auspuffgase in den Raum geleitet, ein Affe drängt mit panischem Gesichtsausdruck und weit geöffnetem Mund an die Scheibe. Zur Beruhigung der gemarterten Tiere sollen Zeichentrickfilme gezeigt worden sein.        

Die Fachstelle Tierversuche beim Schweizer Tierschutz (STS) sagte den Medien gegenüber, die Schweiz habe ein Testsystem entwickelt, mit dem Belastungen der gesunden und kranken Lunge durch die unterschiedlichsten Einflüsse (Partikel, Gase etc.) untersucht werden könnten. Die Nano Aerosol Chamber for In-Vitro Toxicity (NACIVT) kommt ohne Tierversuche aus!   

   

Abstimmung am Donnerstag

Wird es einen Ausschuss für Lebendtiertransporte geben?

Dieser dringende Aufruf stammt den Mitgliedern des Europaparlaments Martin Häusling und Sven Giegold

 

Liebe Freundinnen und Freunde,

über 360 Millionen Schweine, Rinder, Schafe und Ziegen werden jährlich innerhalb der Europäischen Union transportiert. Die Bedingungen bei vielen dieser Transporte sind eines jeden Lebewesens vollkommen unwürdig: Absoluter Platzmangel, kaum Wasser und Futter, unerträgliche Hitze oder Kälte, tagelange Transporte - die Tiere erleiden schwere Verletzungen, manche sterben. So darf Europa nicht mit Tieren umgehen!

Extreme Tierquälerei findet tagtäglich auf Europas Straßen statt, obwohl sie gegen eine EU-Richtlinie zu Tiertransporten verstößt!

 Wir wollen das nicht länger hinnehmen und haben im Europaparlament die Einrichtung eines Untersuchungsausschusses zu Lebendtiertransporten gefordert. Schon diesen Donnerstag wird in der "Konferenz der Fraktionsvorsitzenden" abgestimmt, ob dieser Untersuchungsausschuss eingerichtet wird oder nicht. Die Abstimmung wird extrem knapp, weil die Fraktionen der Christdemokraten (EVP), Sozialdemokraten (S&D) und Liberalen (ALDE) der Einrichtung des Ausschusses skeptisch gegenüberstehen. Diese Haltung ist völlig unverständlich, denn es hier geht um die Aufklärung möglicher Rechtsbrüche und das Leid von Millionen von Tieren.

Der Untersuchungsausschuss wäre ein wichtiger Schritt, um zumindest die rechtswidrige Tierquälerei zu beenden. Wir haben nicht viel Zeit, deshalb bitte ich Euch: Unterschreibt diese Petition und teilt sie mit Freunden und Bekannten, damit wir die anderen Fraktionen überzeugen können, für den Ausschuss zu stimmen:

http://bit.ly/tiertransporte

Bis Donnerstag können wir noch richtig viel Druck aufbauen.

 

Mit hoffnungsvollen Grüßen,

Martin Häusling, Mitglied des Europaparlaments

Sven Giegold, Mitglied des Europaparlaments

Tierschutzeinsatz in Rumänien

Auf den Spuren von Leni

Mein unbekannter Hund

Eva Bire aus Berlin nimmt 2017 eine kleine Hündin auf. Leni wurde in Rumänien geboren und über eine seriöse Tierschutzorganisation nach Deutschland vermittelt. Doch das reicht der Juristin nicht: Sie möchte das Land kennenlernen, aus dem ihre geliebte Leni stammt - und so beteiligt sie sich an einem Tierschutzeinsatz bei Bukarest.

Leni ist temperamentvoll, kontaktfreudig und unkompliziert im Umgang mit Artgenossen, Kindern und Erwachsenen. Sie läuft gut an der Leine, kann im Wald freigelassen werden und bleibt sogar, wenn nötig, alleine. Das ist eine gewaltige Leistung für einen Hund, der vielleicht auf der Straße geboren wurde und angstvolle Wochen oder gar Monate in einem Tierheim verbringen musste.

Welche Umweltbedingungen haben Leni zu dem gemacht, was sie heute ist - und wie gelang es der zierlichen Hündin zu überleben, während so viele andere Hunde, größer, stärker, wehrhafter, sich aufgeben? Diese Fragen lassen die heute 26jährige Eva Bire nicht mehr los. Gleichfalls spürt sie den immer drängenderen Wunsch, sich für Tiere einzusetzen. Als sich im November 2017 die Möglichkeit bietet, eine Tierschutzorganisation zu einem Hilfseinsatz nach Bukarest zu begleiten, sagt sie zu.

Ein Tierarzt hat nahe der Hauptstadt eine Klinik aufgebaut und finanziert aus Privatmitteln ein Shelter. In diesem rumänischen Tierheim sind im Schnitt bis zu 400 Hunde untergebracht. Eva Bire ist während ihres mehrtägigen Aufenthaltes mit den freiwilligen Helferinnen aus Deutschland dafür zuständig, die Hunde im Shelter zu erfassen. Fotos und Daten gehen an internationale Tierschutzorganisationen, die sich um die Vermittlung bemühen. Ohne die notwendige Unterstützung aus dem Ausland wäre das Tierheim in Kürze hoffnungslos überfüllt.  

Käfig an Käfig, in den Zwingern große Gruppen von Hunden, die immer wieder in Streit geraten. So gibt es in jedem Abteil Tiere, die von ihren Artgenossen drangsaliert werden, sich in die hinteren Ecke zurückziehen oder ängstlich auf den Dächern der Hundehütten kauern. Futter, Schlafplätze - den Kampf um die begehrten Territorien werden die Schwächsten verlieren...

In Braila, einem Dorf in der Nähe von Bukarest, liegt eine Tötungsstation für Straßenhunde. Auch sie ist voll, obwohl der Tierarzt durchgesetzt hat, regelmäßig Hunde in sein eigenes Shelter (und künftig ein zweites) überführen zu dürfen. Doch die Situation für die in riesigen Gehegen eingesperrten Hunde bleibt aussichtslos, denn nach einer bestimmten Frist wird regelmäßig der Bestand getötet. Meist geschieht dies mit Kühlmittel, ein grausamer und langwieriger Tod. Bis zu einer Stunde quälen sich die Tiere, bis sie schließlich sterben.

Oder die gesamte Anlage wird unter Wasser gesetzt und Strom eingeleitet, auch dies erfährt die erschütterte Berlinerin, als sie mit den anderen ehrenamtlichen Helferinnen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Tötungsstation betritt.

Auf dem Gelände sind die Hunde in weitläufigen Lagerhallen untergebracht, einige wenige draußen in kleinen Hütten mit käfigähnlichen Abdeckungen darüber. Aus einer dieser, mit Draht abgeschirmten, Hütten drängt sich ein Hundekopf. Geschrei, Gewimmer, Gewinsel - die Dackelhündin tut alles dafür, dass die Menschen, die hier so unerwartet vorbei gekommen sind, sie bloß nicht in ihrem Elend übersehen. Und tatsächlich hat sich Lotti, wie sie später genannt wird, ihr Schicksal tatkräftig in die eigenen Pfötchen genommen. Eva Bire, ergriffen ob des Schreis nach Leben, holt sie heraus und bringt sie mit 58 ebenfalls geretteten Hunden in das Shelter des Tierarztes nach Bukarest.

Warum fühlt sich die Rettung der 58 Hunde nicht an wie eine Rettung?, fragt sie sich verzweifelt. Weil auch das Tierheim keine Dauerlösung ist und viele Hunde unter den harten Bedingungen - Kälte im Winter, Hitze im Sommer, Auseinandersetzungen, Hunger, Krankheiten - nicht lange überleben werden. Obwohl auch die Bevölkerung sich mehrheitlich gegen die Tötung von herrenlosen Hunden ausspricht, finden Kastrationsprogramme im Land keine (politische) Mehrheit. So lehnt zum Beispiel auch der Bürgermeister aus dem Örtchen Braila die Kastration von herrenlosen Hunden ab.

Er hat Kastrationsprogramme, die von internationalen Tierschutzorganisationen seit Jahrzehnten propagiert und aus eigenen Mitteln in Rumänien finanziert werden, verboten. Das Kopfgeld für einen von Hundefängern aufgegriffenen Straßenhund beträgt - je nach Region - zwischen 25 und 50 Euro. Damit ist das Einfangen von herrenlosen Hunden ein solch lukratives Geschäft für alle Beteiligten, dass jede noch so gut gemeinte Initiative, das Leid der Straßenhunde durch Kastration langfristig zu beenden, zum Scheitern verurteilt ist.

Ob Eva Bire das Dackelmädchen jemals wiedersehen wird, weiß sie nicht. Denn die Impfungen, das Chippen und Kastrieren werden ca. drei Wochen dauern. Hat die zierliche Lotti die Kraft, diese schon sehr kalten Wochen im Shelter durchzuhalten? Zurück in Berlin eröffnet Eva Bire  ihrer Lebensgefährtin, dass in Kürze - sollte sie überleben - eine zweite Hündin bei ihnen einziehen wird. Allerdings haben beide Frauen nicht damit gerechnet, dass Leni nicht bereit sein könnte, ihren Platz als Einzelprinzessin zu räumen.

Obwohl die Mischlingshündin üblicherweise ein gutes Sozialverhalten zeigt, akzeptiert sie innerhalb ihrer vier Wände keinen zusätzlichen Artgenossen, wie sich herausstellt. Zwar greift sie den Neuzugang Lotti anfänglich nicht an, lässt ihr aber keine Chance, sich zu entwickeln. Die Eifersucht, die Rangkämpfe werden so belastend, dass für das Dackelmädchen ein anderer Platz gefunden werden muss. Heute lebt Lotti glücklich in Berlin-Heiligensee mit einem großen Hundekumpel in der Familie.

So besitzergreifend sich die kleine Leni in ihrem eigenen Umfeld verhielt, so sehr trägt sie zur seelischen Stabilisierung einer anderen Hündin bei, der es bis heute kaum gelungen ist, ihre belastenden Erfahrungen in Rumänien zu verarbeiten. Für Lisa, die vor über zwei Jahren von Eva Bires Mutter aufgenommen wurde, ist Leni zu einem entscheidenden Halt in ihrem Leben geworden. Aufgrund ihrer schweren Traumatisierung, die möglicherweise eine Folge des brutalen Einfangens mit Drahtschlingen und der als aussichtlos empfundenen Inhaftierung im Zwinger sein könnte, wagt sie sich nur selten nach draußen. Glücklicherweise gilt das nicht für den Garten, den sie, dank ihrer neuen Freundin Leni, immer öfter mit Begeisterung aufsucht.

In diesem Winter wird Eva Bire nun ihren zweiten Tierschutzeinsatz in Rumänien durchführen. Und diese Reise bringt sie nun genau an den Ort, an dem Leni die ersten  Monate ihres Lebens verbracht hat: nach Ploiesti. Die Stadt zählt mit 230.000 Einwohnern zu den Großstädten in Rumänien.

In Ploiesti betreiben Tierschützer ein Tierheim von nahezu unvorstellbaren Ausmaßen: Zwischen 2000 und 3000 Hunde werden hier versorgt.  Doch so ungeheuer groß die Besatzdichte, so stolz sind die Tierschützer auf die erreichten Fortschritte. Sie haben durch ihre Arbeit erreicht, dass die Tötungsstation endgültig geschlossen wurde und die Hunde nun im Shelter untergebracht werden können. An zwei Tagen in der Woche kommt ein Tierarzt zum Kastrieren.

Auch Lisa, die Schäferhund-Mischlingshündin ihrer Mutter, wurde aus dem Tierheim Ploiesti nach Deutschland vermittelt. Während sie noch heute schwer an ihrer Vergangenheit trägt, ist es Leni ganz offenbar gelungen, das neue Leben in Deutschland mit allen Pfötchen zu greifen und für immer festzuhalten.

     

 

 

 

    

 

 

Tierschutzeinsatz in Los Barrios

EIN BERICHT von Dr. Fred Willitzkat

Dezember 2016 in Berlin: Ich sitze in einer Runde von Mitgliedern des Bundesverbandes Tierschutz e.V., der uns finanziell für unsere Kastrationsaktion im spanischen Tierheim Los Barrios in Andalusien im Mai 2017 unterstützen will.   

Es fällt mir nicht schwer von meinen Erfahrungen zu erzählen, schließlich fahren wir seit sechs Jahren in die Region bei Malaga und kastrieren dort die Tiere, die in die ehemalige Tötungsstation kommen. Während ich unsere Arbeit dort beschreibe, werde ich von einem Mann, der heute zum ersten Mal dabei ist, beobachtet. Was wir uns erlauben über das Schicksal der Tiere zu entscheiden, sie zu amputieren, sie zu verstümmeln und gegen die Natur der Tiere zu verstoßen.“

„Es geht hier nicht um Verstümmeln.“ versuche ich, nach den richtigen Worten suchend, zu erklären. „Es geht um die Vermeidung der Überpopulation. Es geht darum die Not zu lindern, indem man die ungewollte Vermehrung verhindert.“ Es entsteht ein reger Schlagabtausch, in dem ich noch einmal von Grund auf meine Haltung erklären und rechtfertigen muss.

Das ist gut, denn zweifellos hat der Mann recht: Man greift in das Leben eines Tieres mit einer Amputation ein, die prinzipiell für das Tier ist. Aber genau das ist gewollt und eine schwierige Lösung in einem Dilemma, das wir Menschen selbst verbrochen haben. Unzählige Tiere werden ausgesetzt, als ungewollte Welpen ertränkt, werden auf Landstraßen überfahren oder verhungern schlicht neben der Landstraße im Gebüsch, ungesehen, unbemerkt. Vielleicht muss man wenigstens einmal inmitten des Tierheim-Dilemmas gewesen sein, um zu verstehen, dass durch die Kastration sehr viel Elend verhindert werden kann und das es die einzige wirklich sinnvolle und effiziente Methode ist, aus Straßenhunden in überfüllten Tierheimen Mitbewohner und Familienmitglieder unter lebenswerten Umständen machen zu können.

Für uns selbst ist es wichtig Klarheit über den Sinn unserer Arbeit zu erhalten. Wir haben ihn. Und nicht erst in dem Moment, wo unsere Rollkoffer voll mit Medikamenten und OP-Materialien über den Zement des Innenhofes des Tierheims rollen, begleitet von dem Gekläff hunderter Hunde aller Größen, aller Rassen und allen Gemüts.

Ankunft in  in Los Barrios

Unter einem Vordach werden die beiden Tische aufgestellt, die uns als OP-Tische dienen sollen. Da diese schweren Spanholzmöbel nicht höhenverstellbar sind, legen wir große Futtersäcke oben rauf. Die Futtersäcke werden mit einem großen sauberen Badelaken abgedeckt, der metallene Beistelltisch als OP-Tisch mit Material und Medikamenten eingerichtet und die Geräte geprüft. Als Narkosen verwenden wir Xylazin und Ketamin. Die Tiere bekommen vor jeder Operation Carprofen als Schmerz- und Entzündungshemmer und Duphamox L.A. als Antibiose. Zusätzlich spritzen wir allen Tieren ein breit wirksames Antiparasitikum. Alles wird aus Spenden finanziert.

Im Laufe der nächsten neun Tage werden wir, die Tierärztin Franka Pauly, die Helferin Isabell Beinlich, Günter Groth, der wieder als Helfer mit dabei ist und ich selbst, einhundertsiebendreißig Hunde und siebenunddreißig Katzen kastrieren. Wir werden dabei etliche Tumore entfernen, Hernien operieren, Bisswunden versorgen, Zecken absammeln (der Rekord liegt bei 48 Zecken aus beiden Ohren bei einem Labrador-Mix), wir werden Ohren spülen, Othämatome und Abszesse spalten, spülen, medikamentell versorgen.

Wir werden um neun Uhr jeden Tag anfangen und bis mindestens neunzehn Uhr arbeiten. In der Mittagspause setzten wir uns in den Schatten auf eine nahe Wiese und essen Käse, Oliven, Weißbrot und Früchte. Der Ablauf ist Routine.

Wenn die etwa halbstündige Pause vorbei ist, geht es weiter. Die nächsten zwei Hunde werden gebracht. Franka und ich schätzen das Gewicht des Tieres. Wir ziehen die Narkose auf und zum Teil, je nach Tier, müssen wir 50 Prozent mehr Narkosemittel geben, als die Richtwertdosis für ein Tier üblicherweise betragen würde. Schon nach dem ersten Tag haben wir eine gelassene Routine im Abwägen der Narkosedosis, so dass kaum ein Tier nachgespritzt werden muss und die meisten Hunde etwa dreißig bis fünfundvierzig Minuten nach Ende der Operation schon wieder halbseiden auf den Beinen stehen.

Am Ende des Tages werden dann meist die „normalen“ Behandlungen durchgeführt: Wundversorgungen nach Bisswunden, Othämatome, Verletzungen an den Krallen, Abschürfungen, Infektionen. Ein kleiner untergewichtiger rotbrauner Terrier-Mix schaut uns ängstlich von seiner Decke unter dem Futtertisch an. Aus seiner Nase läuft eitrig-seröse Flüssigkeit, er hat 39,8 Grad Körpertemperatur, hustet bei jeder kleinen Anstrengung, steht den ganzen Tag nicht auf und will kaum etwas fressen. Wir setzen ihn auf Amoxicillin und Carprofen und geben ihm Infusionen. Pablo lässt alles mit sich machen.

In einer Wohnanlage werden Katzen vergiftet

Kerrie kündigt sich für Samstag an. Die Katzen kastrieren wir nicht im Tierheim, sondern in der Tierklinik „Las Flores“ in Algeciras. Für die Katzen wäre es unglaublicher Stress unter dem Gebell der Hunde in Narkose gelegt zu werden. Kerrie ist in Not, denn in einer Wohnanlage wurden schon unzählige Katzen vergiftet. Der Täter ist bekannt, man kann ihm die Taten jedoch nicht nachweisen und so sterben fast täglich neue Tiere qualvoll an Rattengift. Seit zwei Wochen sind Kerrie und zwei Helfer bemüht so viele Katzen wie möglich in Fallen zu locken, um sie kastriert an anderen Stellen wieder aussetzen zu können.

Der vierte Tag unseres Aufenthaltes in Los Barrios ist fast vorüber. Es wird uns Alice zur Untersuchung vorgestellt. Sie ist eine völlig undefinierbare Hundemischung aus allem, was es so an Rassen in Andalusien zu geben scheint. Noch heute Abend geht es für sie zum Flughafen und in ihr neues Zuhause nach Finnland. Alice zappelt aufgeregt auf dem Untersuchungstisch.

Die Routine ist angenehm durch ihre Stetigkeit, ihre wiederkehrende Gewissheit. Wir kommen früh, säubern alles noch einmal und legen die ersten beiden Tiere in Narkose. Während der Arbeit gilt die volle Konzentration den Patienten. So entgeht uns anfangs der kleine, nicht sehr scheue Bodeguero, der sehr an uns zu hängen scheint. Ständig schleicht er uns um die Beine. Erst, als ich wieder einmal die Abfälle in den auf dem Boden stehenden Mülleimer entleere, fällt mir der dankbare Blick des Bodeguero auf: Kaum ist mein organischer Abfall im Eimer, packt er sich zielsicher die bei der Kastration entnommenen Organe und verspeist sie an Ort und Stelle.

Wir hängen den Eimer hoch, so dass er nichts mehr fressen kann. Aber Franka hat spontan einen Spitznamen, der ihm bis ans Ende unserer Tage dort bleibt und den wir hier aus Seriositätsgründen nicht schreiben, sondern der Phantasie unserer Leser überlassen. Als wir Edu davon erzählen lacht sie. „Ja, Pepe ist schon ein ganz gewitzter Überlebenskünstler. Und er ist schon nach England vermittelt.“ Gut gemacht Pepe.

Staupe im Tierheim!

Am Morgen des sechsten Tags wollen wir nach Pablo sehen, dessen Zustand sich auch unter Amoxicillin, den Infusionen und Carprofen nicht gebessert hatte und den wir jetzt, als Alternativpräparat, mit Enrofloxacin behandeln wollen...   Pablo ist nicht mehr unter dem Futtertisch. Die Decke ist leer. Eine schlimme Ahnung drückt die gute Stimmung am Morgen. Edu, die Leiterin der Perera, kommt aufgeregt in die kleine Baracke „Sie hat ein großes Problem.“ Sagt sie. „Ein sehr großes Problem. Vier Hunde sind an Staupe erkrankt.“ „Pablo?“, frage ich. Edu nickt. „Er ist in der Nacht gestorben. Ein Labrador, der gerade vor zwei Tagen ins Tierheim kam, ein kleiner Bodeguero-Mix und ein Stafford-Mix. Der kleine Bodeguero ist gestorben, die anderen ringen um ihr Leben.“

Staupe, rauscht es in meinem Kopf. Eine Krankheit, die es bei uns nur noch punktuell gibt. Dort, wo Hunde nicht geimpft werden, wo Welpen aus zwiespältigen Zuchtanlagen nach Berlin drängen und viel zu jung abgesetzt werden, aus viel zu schlechter Haltung kommen und von viel zu unerfahrenen und oft betrügerisch arbeitenden Banden über das Internet angeboten werden. Staupe hatte ich einfach nicht auf meiner Diagnoseliste im Kopf. „Sind die Hunde nicht geimpft?“ frage ich ohne Nachzudenken und weiß eine Sekunde später, dass diese Frage etwas naiv ist.

„Doch.“ sagt Edu. „Sie werden geimpft. Aber nur einmal. Zum Boostern reicht das Geld nicht. Wir kaufen den Impfstoff in einem Großhandel für Tierärzte. Wir dürfen dort einkaufen, aber eine Packung mit 50 Dosen kostet 150 Euro. Das ist für uns ein Vermögen.“ Im Laufe des Tages sterben die beiden anderen erkrankten Hunde auch. Es stellt sich heraus, dass alle drei Tiere komplett  ungeimpft waren. Neuzugänge. Was ich erstaunlich finde ist, dass der Impfschutz ganz offensichtlich ohne die dringend empfohlene Boosterung bei den anderen ausgereicht hat. Die ganze restliche Zeit unseres Aufenthaltes erkrankt kein weiteres Tier. Der Schreck über den Ausbruch der Virusattacke aber bleibt.

Meite, schaut uns eine Weile versonnen über die Schulter.  Sie lächelt und ihre großen Zahnlücken werden sichtbar. Meite, die übergewichtige Pflegerin mit der kreischenden Stimme, bittet uns eindringlich für immer zu bleiben und wenn wir nicht bleiben können, dann sollen wir wenigstens ganz, ganz bald zurückkommen. Ich versuche abzuwiegeln. Wir sind doch nicht die einzige Tierschutzorganisation, die hier hilft. Sie schaut nachdenklich und nickt leicht. Vor zwei Monaten kamen eine deutsche Tierärztin und zwei spanische Tierärzte, die in Großbritannien zusammen studiert hatten und nun in einem Kastrationseinsatz ihre Fähigkeiten unter Beweis stellen wollten. Innerhalb von zwei Tagen mussten zehn von fünfzehn kastrierten Hunden in die Intensivbehandlung wegen massiver Blutungen. Drei Hunde starben. Die Aktion wurde abgebrochen. Gefragt, wie das passieren kann, antworteten die drei jungen Tierärzte, dass das passieren kann und irgendwo müssten sie ja üben....

Der Schock darüber sitzt bei den Helfern im Tierheim immer noch tief. Sie haben sich an der englischen Universität beschwert. Dort wies man die Beschwerde zurück, denn die drei hatten die Aktion eigenverantwortlich organisiert. Das Dilemma der Tierheime ist, dass dringend Tierärzte gesucht werden, die unentgeltlich arbeiten und dennoch genug Erfahrung besitzen müssen, die Tiere fach- und sachgerecht unter allen denkbaren Tierschutzaspekten zu behandeln. Das deutet sich als Widerspruch an, denn die jungen Tierärzte haben die Motivation und die Zeit und die Energie zu helfen, aber meist nicht die Erfahrung. Die erfahrenen Tierärzte haben aber oft weder die Zeit, noch die Energie, die notwendig ist, um diesen Tierheimen effizient helfen zu können.

Wir haben das so gelöst, dass unser Team immer aus erfahrenen und Erfahrung sammelnden Kolleginnen und Kollegen besteht. Das klappt hervorragend. Unser Fazit: Es ist uns kein Hund gestorben, es gab nicht einmal eine Komplikation.

Das ist deswegen nicht selbstverständlich, weil wir unter Bedingungen arbeiten, die uns an der Uni nach dem Abschluss des Studiums hätten erschauern lassen. Die Hygiene- und Sterilitätsstandards können hier überhaupt nicht gehalten werden. Wir versuchen durch sterile Abdeckfolien, sterile Handschuhe, eine immer saubere Umgebung, gründlich gereinigtes und desinfiziertes Instrumentarium und eine sorgsam aufgeteilte Organisation  ein Maximum an solider Arbeit unter diesen nicht zu ändernden Bedingungen zu leisten. Und das mit Erfolg. Aber nicht ohne Aufwand. Wir haben vier komplette Operationsbestecke, zwei davon sind immer im Einsatz.

Günter ist den ganzen Tag damit beschäftigt die zwei jeweils benutzen Bestecke gründlich zu reinigen, zu spülen, zu desinfizieren, so dass sie für das nächste Tier wieder ohne Kontaminationsgefahr gebrauchsfähig sind. Er rotiert an zwei etwas abseits gestellten Tischen zwischen Wasserkocher, Spülschalen, Desinfektionslösungen und der ungebremsten Hingabe die wieder keimfrei erarbeiteten OP-Bestecke von Spontanverschmutzungen durch frei herumlaufende Hunde, sehr beschäftigten Helfern oder von uns,  nur auf die zu kastrierenden Tiere ausgerichteten Tierärzte, zu schützen. 

Alice hat  in Finnland ein Zuhause gefunden

Meite zeigt uns lachend eine Foto einer Bildnachricht auf ihrem Handy: Alice, die gestern noch von uns untersuchte Mischlingshündin vor einer finnischen Hütte nahe eines kleinen Sees. Dann Alice auf der Treppe des Hauses mit dem neuen Besitzer. Alice ist angekommen. Auf den Fotos sieht es aus, als wäre sie niemals woanders gewesen.

Der letzte Tag ist angebrochen. Am Abend geht der Flieger und wir haben den Vormittag noch, um die restlichen Hunde zu kastrieren und bei einigen Patienten die Abschluss- Behandlungen durchzuführen. Mir fällt auf, dass es in diesem Jahr sehr viele Listenhunde hier gibt: American Staffordshire, Staffordshire Bull Terrier, Bullmastiff, American Pitbull, Rottweiler, Dogo und all deren Mischlinge.

 Auf Nachfrage erfahren wir von Natalia, dass immer mehr, meist junge Männer, sich diese Hunde zulegen, aber keine Ahnung haben, wie man mit ihnen umgeht. Auch in Spanien braucht man eine spezielle Genehmigung zur Haltung dieser Hunde, ein Führungszeugnis und spezielle Kenntnisse. Diese Hunde werden bei Verstoß gegen die Haltungsgesetze von der Polizei beschlagnahmt und landen im Tierheim.

Das ganze Team der Perera verabschiedet uns. Wir machen noch schnell ein Gruppenfoto. Dann nehmen wir unsere Schalenkoffer und ziehen sie wieder über den Zement des Innenhofes des Tierheims. Das Hundegebell verebbt langsam im Hintergrund als wir zum letzten Mal die staubige Straße zur Stadt zurückfahren.

Dr. Fred R. Willitzkat

Tierärzte im Notdienst International – TiNI e.V.    www.tini.vet

Tierschutzeinsatz in Los Barrios 2017

EIN BERICHT von Dr. Fred Willitzkat

Viele Berichte werden über die Einsätze in Tierheimen von engagierten Tierschützern geschrieben. Es wird über die Einsatzbereitschaft der Hilfskräfte erzählt, über deren Leistungen und über die Motivation der Unterstützer. Wir wollen dieses Mal diejenigen in den Vordergrund stellen, um die es geht und Ihnen vier Biographien vorstellen.

PAMELA. Hinter dem provisorischen Aufwachraum für die Hunde, die so ruhig und ungestört wie möglich aus der Narkose zurück in den Tierheimalltag finden sollen, gibt es eine schwere, leicht rostige Eisentür. Schiebt man den schweren Riegel zur Seite, dann knirscht das Metall beim Öffnen in unangenehmer Weise für die Ohren.

Hinter der Tür treten wir in einen halbdunklen Gang, auf dessen linker Seite sich kleine Zementboxen anschließen, die einen etwa 50 cm hohen Ausgang in eine etwa 20 qm große umzäunte Freifläche haben. Alles betoniert, aus Hygienegründen, aus organisatorischen Gründen, um die Flächen schnell durch Ausspritzen mit dem Wasserschlauch kotfrei zu bekommen.

Auf der rechten Seite des Ganges ist eine Wand, mit kleinen Fenstern, die mit Spinnweben und Staub nur spärlich das Tageslicht durchlassen. Der Gang ist feucht und muffig und ich frage mich, ob ich dieses Interieur überhaupt bei vollem Licht sehen möchte. Dieses Ambiente hat etwas Unheimliches. Aus den einzelnen Betonboxen sind Geräusche zu hören: Ein Scharren, ein Klopfen, manchmal ein leichtes Winseln. Die Umrisse der Hunde darin schälen sich leicht aus dem Dunkel. Neugierde in einigen Augen, Angst in anderen, Skepsis, Freude.... Alle vorstellbaren Gemütsbewegungen. Fast allen Tieren gleich ist die Gier nach Aufmerksamkeit.

Vom Hof dringt vielstimmiges Hundegebell herein. Dumpf. Von den Betonmauern abgedämmt. In der Mitte des Ganges ist ein Käfig, in dem selbst die Umrisse eines Hundes nur schwer erkennbar sind. Wir rufen ihren Namen: „Pamela“. Ein leises Scharren ist zu hören, dann ein Klopfen. Das Klopfen kommt von einem kleinen harten Schwanz, der rhythmisch erst gegen die Wand, dann gegen das Gestell aus Holz schlägt. Im Holzgestell liegt eine Wolldecke als Schlafplatz. Der kleine dicke Schädel der Staffordhündin ist nur zu erkennen, weil eine etwa zwei Euro große Blesse an der Halsunterseite das wenige Licht hier reflektiert. Pamela presst ihren Schädel gegen die Gitterstäbe, nicht nur der Schwanz, der ganze Hund scheint zu wedeln, zu vibrieren.

Gierig leckt sie unsere Hand, als wir ihren Kopf streicheln wollen. Als wir die Gittertür öffnen, stürzt sich der kleine bullige Körper regelrecht in unsere Arme, soviele Liebkosungen zu erhaschen wie möglich. Sie weiß, dass die Zeit knapp ist, die Konkurrenz groß, deshalb muss sie sich beeilen uns so nahe wie möglich zu kommen. Jede erhaschte Aufmerksamkeit muss auch wieder lange vorhalten.

TEDD. Wenn es Hunde gibt, die weise schauen können, dann gehört Tedd in jedem Fall zu ihnen. Dieser große Schäferhund ist einer der ruhigsten Hunde hier. Traurig scheint er alles zu beobachten, was in seiner Umgebung passiert. Tedd ist das genaue Gegenteil von Pamela: Abwartend, beobachtend, kaum Gefühlsäußerungen bekundend, still. Er ist hier eher die Ausnahme: Tedd vermeidet Aufmerksamkeit. Wenn es Depressionen bei Hunden gibt, wir sollten vermuten, dass Tedd unter ihnen leidet.

Tedd hat schon viel erlebt in seinem fast 12-jährigen Leben. Er war als Personensuchhund, als sogenannter mantrailer, im Kosovo, in Afghanistan, hat eine lange Ausbildung in der Armee hinter sich und ist hochdekoriert. Tedd hat Menschenleben gerettet, im Krieg, bei Katastrophen. Er ist Verschütteten zu Hilfe gekommen, die unter Gebäuden lagen. Gebäude, die im Bombenhagel in Schutt und Asche gelegt wurden. Ganz vorn war er dabei, immer mitten drin, zwischen Leben und Tod. Aber noch nie war er dem Tod so nah wie jetzt.

Kurz vor seinem Ausscheiden aus der Armee hat er noch die höchste Medaille bekommen, die Hunden zu Teil werden kann. Dann ist er noch für zwei Wochen auf eine Deckstation mit läufigen Hündinnen gebracht worden um sein so wertvolles genetisches Material weiterzugeben. Wenig später ist er im Tierheim Los Barrios abgegeben worden, eskortiert von zwei Männern in Uniform, die Leine und Halsband aus gutem Leder wieder mitnahmen. Sie haben ihn nackt zurück gelassen. Nackt im Sinne von respektlos, schamlos, würdelos. In mir regt sich enormer Widerstand: Sind es nicht die Menschen, die uns davor warnen, Hunde zu „vermenschlichen“? Und also die gleichen Menschen, die Hunden Medaillen verleihen und sie für ihre Taten „dekorieren“? Jene Menschen also, die Tieren wie Tedd am Ende ihres Lebens, wenn der „Nutzen“, die „Gebrauchsfähigkeit“ nachlässt, den Respekt zu versagen, in Frieden und in Dankbarkeit ihrer Leistungen für uns Menschen zu altern?

In diesem Sinn ist Tedd eigentlich kein Hund. Er ist ein einsamer alter Herr. Er ist so etwas wie ein Gentleman unter den Hunden hier. Nie habe ich ihn bellen hören, nie Aufmerksamkeit für seine Person fordern. Tedd scheint sich mit allem abzufinden was passiert, hat man das Gefühl. Befehl ist Befehl. Sei es auch noch so hart für ihn.

Tedd hat eine inzwischen chronische Ohrenentzündung, die ich täglich behandle. Bei der Spülung der Ohren kommt blutiger Eiter heraus. Leichte Abwehrbewegungen zeugen vom Schmerz, aber nichts von Aggressivität. Tedd schaut hilflos und vermeidet den direkten Blickkontakt mit mir. Keine Mimik verrät Bitternis oder Wut. Grund hätte er. Anlass hätte er. Aber ich denke zu menschlich. Tedd schaut so, als wüsste er nicht, was er hier soll. So, als sei sein Hiersein ein großes Missverständnis. Tedd wartet. Das ist alles, was er tut. Er schmust nicht. Er sucht keinen Kontakt, weder zu anderen Hunden, noch zu Menschen. Tedd bleibt ein stiller Hund. Und wir? Es scheint, als hätten wir Menschen Tedd vergessen. Vor dem Vergessen hat man ihn entsorgt, weggeworfen. Nein, man kann nicht sagen, dass man ihm hier sein Gnadenbrot gibt, denn eine Gnade ist es mit Sicherheit nicht für ihn, hier zu leben. Das sähe anders aus.

MANOUKA. Seit sechs Jahren fahren wir nun schon nach Los Barrios um hier zu helfen. Die Situation hat sich in den letzten zwei Jahren dramatisch verschärft, jedenfalls was den Hundebestand angeht. Nicht die Anzahl, die ist in etwa gleich hoch geblieben, sondern die Zusammensetzung der Rassen. Früher dominierten Labradore, Podencos, Bodegueros und deren Kreuzungen. Heute sind 30 bis 40 Prozent American Staffordshire, Staffordshire Bull Terrier, Bullmastiff, American Pitbull, Rottweiler, Dogo und all deren Mischlinge. In Spanien braucht man mittlerweile eine Haltergenehmigung für diese Rassen. Diese hat kaum jemand. Also kommt die Polizei, beschlagnahmt die Tiere, spricht den Besitzern ein Halteverbot aus und liefert die Hunde im Tierheim ab.

Wie um dies zu unterstreichen, kommt ein riesiger, etwa 50 Kilo schwerer American Staffordshire über den betonierten feuchten Innenhof gerannt. In der Schnauze hat er ein dickes Stück einer Kordel zum Spielen, die er übermütig in die Luft wirbelt, um sie eine Sekunde später wieder zu fangen. Was mir Sorge macht ist, dass er in einem Affenzahn auf mich zukommt, der Boden sehr glatt ist und der Stafford ausgerechnet mit mir spielen will. Ich schaffe es auch nur knapp, durch den jetzt auf mich zuschlitternden Stafford nicht mit Wucht gegen die Eisengitter eines benachbarten Käfigs geschleudert zu werden. Begüternd tätschle ich sein kurzes Fell auf der straffen Haut am massigen Körper.

Doch der Stafford ist schon wieder unterwegs zum anderen Ende des kleinen Hofes. Denn dort kommt Jorges zum Nachmittagsdienst. Und Jorges und „Mad“, der Staff, lieben sich. Ich habe keine Ahnung wie Jorges dem völlig ungebremsten Übermut dieses „Walrosses“ entkommt, aber er scheint es durch Geschicklichkeit zu schaffen. Manouka beobachtet diese Szene aus einer Ecke des Hofes. Selbst ihr scheint der Übermut von Mad etwas zu viel des Guten.

Als ich am Nachmittag vor Tedd knie, um ihm die Tropfen in die Wunden Ohren  zu geben, taucht Manouka zwischen Tedd und mir auf, wie eine Robbe aus dem Wasser. Mit ihren großen dunklen Augen schaut sich mich aus ihrem breiten muskulösen Gesicht an. Fragend. Vielleicht auch sagend: „Hier bin ich und nun?“ Über soviel unverschämte Aufdringlichkeit muss ich laut lachen. Manouka ist überall da, wo einer von uns ist und das zur gleichen Zeit. Schon am ersten Tag ist mir Manouka aufgefallen, weil sie zu allen anderen Hunden unglaublich nett ist, jeden begrüßt und so eine Art Herbergsmutter spielt. Als wir die ersten Hunde, noch narkotisiert, nach der OP in den Aufwachraum legen, kommt sie wie selbstverständlich mit und legt sich zwischen die Schlafenden. Vielleicht um sie zu beschützen. Vielleicht um sie zu wärmen. Vielleicht um sie hier nicht allein liegen zu lassen. Manchmal schläft sie dann selbst mit ein. Manouka.

All diese „Listenhunde“ werden hier in Spanien die PPP’s genannt. Als ich Edu frage, was das bedeutet, erklärt sie mir, dass dies die Abkürzung für „Perros potencialmente peligrosos” ist. Meite protestiert schrill und lautstark „Perros potencialmente perfectos“. Sie hat selbst zwei Staffordshire zu Hause, aus dem Tierheim gerettet. Ob sie eine behördliche Genehmigung dazu hat, frage ich lieber nicht.

Aber niemand kann mir die Frage beantworten, was mit den PPP’s passiert. Jeder schweigt dazu, alle zucken nur mit den Schultern. „Sie verrotten hier in den Käfigen, bis sie sterben„ sagt kopfschüttelnd Irene und geht, den Zigarettenstummel wegwerfend, in den zweiten Innenhof, um die Wannen mit frischem gespendetem Trockenfutter zu füllen. Ein wenig Resignation macht sich breit. In der Tat sind einige von diesen Listenhunden auch keine Tiere, denen ich ohne Gitter begegnen möchte. Wer hat sie so gemacht? Wer ist dafür verantwortlich? Und vor allem: Wie werden Menschen zur Verantwortung gezogen, die aus Tieren Kampfmaschinen machen? Für die Hunde ist die Abrichtung auf Aggressivität das Todesurteil. Das sind Momente, wo es mir relativ leicht fällt, an eine Hölle zu glauben. In den 70er Jahren waren es die Dobermänner, dann kamen die Rottweiler, später die Pitbulls, jetzt die Staffordshire Terrier. Und morgen?

Am Abend fahren wir zu Meite nach Algeciras, um noch einen sieben Monate alten Welpen anzuschauen, dem es nicht besonders gut geht. Sie hat den Welpen aus der Perera zu sich genommen, weil sie sich sorgt, weil sie ihn nicht allein im Tierheim lassen konnte. Meite wohnt direkt am Bahnhof der Stadt in einer kleinen dunklen Gasse. Sie empfängt uns an der Haustür und wir spüren, dass sie um jeden Preis den Blick ins Innere der Wohnung vermeiden will. Sie schämt sich. Die große etwas unförmige Frau mit etwa 40 Jahren schämt sich. Sie wird verlegen, redet viel und sucht nach Worten. Es fallen ihr viele ein, aber offensichtlich nicht die richtigen. Mir drückt sie den Welpen in die Hand, der vor Angst Urin absetzt.

Meite wohnt in einer Art Rohbau. Alles ist notdürftig zum Wohnen aufbereitet. Aus halb hochgezogenen Balustraden ragt noch der Armierungsstahl. Kaum eine Wand ist verputzt. Die Betontreppe ist nur gegossen, nicht verkleidet. Kein Geländer. Dieser Zustand ist nicht akut, er ist chronisch, denn das Armierungseisen ist lange schon rostig, die hinterlassene Schalung aus Holz teils zersplittert, teils vermodert. Es ist, als würden wir uns in einem sterbenden Tier befinden.

Meite hat eine 6-Tage-Woche. Sie arbeitet 8 Stunden und bekommt dafür 500 Euro. Sie ist eine der Wenigen im Tierheim, die überhaupt für ihre Arbeit bezahlt werden. Sie spritzt Käfige mit einem Wasserschlauch aus, wischt die Näpfe täglich, füttert die Tiere, lässt ausgewählte Gruppen der Hunde in bestimmten Zeitperioden im Innenhof spielen, streichelt sie, spielt mit ihnen, hat immer gute Laune, die sie schrill und temperamentvoll zum Besten gibt und ist weder kranken- noch rentenversichert von dem Geld, dass sie bekommt. Jetzt steht sie vor uns und schämt sich für ihr Dasein, für ihr Da-Wohnen.

 JOEYE ist der Neuzugang. Ein kleiner Bodeguero, dessen Haut so wund ist, dass er aus vielen Stellen blutet, dessen Fell und Haut so voller Parasiten steckt, dass durch exzessiven Juckreiz kaum noch ein Quadratzentimeter schorffrei zu sein scheint. Joeyes Augen sind entzündet, aus den Ohren haben wir ihm Zecken entfernt, streicheln wagt man kaum. Zum einen aus Angst seine zu Leder gewordene Oberfläche blutig zu streicheln, zum anderen, weil er so abgemagert ist, dass seine Rippenzwischenräume tiefe Kerben in seine Brust schlagen.

Joeye kann noch nicht alt sein, vielleicht ein wenig älter als ein Jahr, aber seine Erscheinung ist die eines greisen Hundes. Sein Blick auch. Er ist scheu, vorsichtig und skeptisch. Alles, was um ihn herum passiert, erhascht er mit Blicken, analysiert er und wertet es für sich aus: Muss er sich zurückziehen? Ist vielleicht etwas zu Fressen in der Nähe? Kann er sich aus der Deckung wagen? Den ganzen Tag ist er in einem kleinen Drahtkäfig ganz in unserer Nähe. Man hört und man bemerkt ihn nicht. Den ganzen Tag nicht. Sein Fressnapf glänzt immer wie frisch ausgewaschen, so sauber ist es geleckt. Seine Decke ist nur im äußersten Winkel hinten von ihm belegt. Er macht sich so klein wie möglich. Dadurch wird seine Zierlichkeit noch unterstrichen.

Wir baden ihn täglich in einer Lösung, die Hautparasiten abtötet und die die Wundheilung auf der Haut fördert. Langsam, ganz langsam fasst er Vertrauen und freut sich schon verhalten, wenn wir uns dem Käfig nähern.

Am Ende unseres Aufenthaltes in der Perera ist Joeye so stabil, dass wir ihn kastrieren können. Und am nächsten Tag brechen wir wieder auf, in die Heimat, zurück nach Berlin, wo unsere eigenen Hunde warten. Die, die ehemals in Los Barrios, in La Linea, auf dem Parkplatz eines Supermarktes in Rumänien oder im Slum von Bangkok gelebt haben, die jetzt täglich zwei Mahlzeiten bekommen, nachts nicht mehr frieren müssen, sich ab und zu aber immer noch ängstigen, aus der Erinnerung, aus ihrer Vergangenheit heraus. Die Hunde, die Familienmitglieder geworden sind. Wir kommen in eine Heimat, in der wir über unsere Arbeit kranken- und rentenversichert sind. Eine Heimat, in der wir unsere vermenschlichten Hunde tierisch gut behandeln. Und wir sind froh, dass das so ist. Unsere Tiere auch. Da bin ich mir sicher.

Dr. Fred R. Willitzkat

TINI.VET e.V.

www.tini.vet

Berlin, 13. November 2017

Diesen zweiten Kastrationseinsatz in Los Barrios hat der Bundesverband Tierschutz ermöglicht. Bitte unterstützen Sie uns, damit wir auch im kommenden Jahr solche Hilfseinsätze in südeuropäischen Tierheimen finanzieren können. Und für ein wunderbarer Nachtrag: Tedd  hat ein Zuhause gefunden.




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