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Unsere Tierschutz-Themen von A-Z

Urteil: Schlangenhalter dürfen keine lebenden Tiere verfüttern

Vor dem Verwaltungsgericht in München wurde am 4. Juli 2016 die Klage einer Reptilienhalterin behandelt. Die Münchnerin hat vier junge Königsphytons, die sie mit lebenden Mäusen füttert. Das städtische Kreisverwaltungsreferat hatte ihr die Lebendfütterung untersagt, nachdem im vergangenen Jahr Kontrollen in der Wohnung der Tierbesitzerin stattgefunden hatten.

Für die Ernährung der Königspythons züchtete die 46jährige Bibliotheksassistentin Mäuse, die frei durch die Wohnung liefen und dann lebend in die Terrarien gesetzt wurden. Die Amtsveterinärin hatte bei ihren Kontrollen das Verfüttern der lebendigen Mäuse untersagt. Gleichfalls forderte sie mehr Platz für den Schäferhund, der neben Rotbauchunken und Vogelspinnen gleichfalls in der Wohnung lebte.

Gegen das Verbot der Lebendfütterung hatte die Reptilienhalterin geklagt - und nun verloren. Denn das Verwaltungsgericht in München sah, wie das städtische Kreisverwaltungsreferat, in der Verfütterung lebender Tiere einen Verstoß gegen das Tierschutzgesetz.

In der mündlichen Verhaltung wurde auch der Leiter der Auffangstation für Reptilien in München befragt. Nach seinen Erläuterungen ist es durchaus möglich, Schlangen auf eine Ernährung mit toten Tieren umzustellen. In Deutschland werde ohnehin die Totfütterung in Tierparks und ähnlichen Institutionen praktiziert. Entscheidend sei, dass die Schlange erkennbar nach Beute suche. Dann nähme sie auch eine auf Lebendtemperatur erwärmte tote Maus.

Urteil: Hummer sind leidensfähig

Unter-Überschrift

Verwaltungsgericht Berlin urteilt:

Hummer sind leidensfähig - ihre Hälterung muss tierschutzgerecht erfolgen

Das Veterinäramt Spandau hatte vor ca. vier Jahren einem Lebensmittelgroßmarkt auferlegt, Hummer und andere Krebstiere tierschutzgerecht zu hältern. Dagegen hatte der Markt Widerspruch eingelegt, der abgelehnt wurde. Danach hatte er Klage beim Verwaltungsgericht Berlin eingereicht, über die 15. Februar 2017 entschieden wurde. Die Richter urteilten: Auch Krebstieren sei eine Leidensfähigkeit zuzugestehen. Die Zeit bis zu ihrer Schlachtung, die Hälterung, müsse tierschutzgerecht erfolgen.

Zum gesamten Text

Urlaub mit dem Tier oder doch besser eine Betreuung zu Hause?

Hunde sind am liebsten mit ihren Menschen zusammen

 Bis zu 70.000 Tiere werden nach Angaben von Tierschutzorganisationen jährlich in der Hauptreisezeit im Sommer ausgesetzt. Im Herbst steht die nächste Reisewelle an - bitte kümmern Sie sich rechtzeitig um einen guten Betreuungsplatz für Ihr Tier.

Und diese Tipps gibt der Bundesverband Tierschutz:

Für Tierhalter ist die Urlaubsplanung naturgemäß etwas aufwändiger als für Nicht-Tierbesitzer: Sie müssen bei all ihren Entscheidungen das Wohl ihrer Tiere mit berücksichtigen.

- Soll der Hund mit in die Ferien reisen oder die Zeit besser in der Tierpension verbringen?  Wo bleibt meine Katze? Ist sie im vertrauten Umfeld glücklicher, als wenn sie in einer fremden Umgebung versorgt wird? Wer pflegt meine Kleintiere, Vögel oder mein Pferd?

- Welche Impfungen sind in welchen Ländern vorgeschrieben? Und kann ich meinem (vielleicht schon betagten) Hund die Impfungen bzw. das Infektionsrisiko zumuten?

- Braucht mein Tier ein bestimmtes Reisegepäck?

- Welche Bestimmungen gelten bei Bahn und Flugreisen? Wie belastend sind längere Autofahrten für Hunde?

- Gilt die Hunde-Haftpflichtversicherung auch im Ausland?

- Wie gut und wie teuer ist die Betreuung in einer Tierpension oder im Tierheim? Oder ist die Versorgung durch eine vertraute Person zu Hause doch die bessere Lösung?

Hunde

Sie sind besonders auf den Menschen ausgerichtet und leiden unter längerer Trennung von Frauchen oder Herrchen. Da Hunde gute Reisebegleiter sind, ist es empfehlenswert, sie in den Urlaub mitzunehmen. Dabei sollten Sie aber Folgendes beachten:

Denken Sie bei der Entscheidung über Ihr Reiseziel unbedingt an das Klima. Hitze und starke Luftfeuchtigkeit sind für Hunde sehr belastend.

Reisen Sie nicht in Länder, in denen eine besondere Gefahr besteht, dass sich der Hund mit Krankheiten ansteckt, gegen die es keine Impfstoffe gibt (Babesiose, Leishmaniose, Herzwurmerkrankung).

Klären Sie vor/bei der Buchung der Unterkunft, ob der Hund ins Hotel, in die Pension oder auf den Campingplatz mitgebracht werden darf.

Achten Sie auf die Einhaltung der Einreisebestimmungen für Hunde in den einzelnen Ländern. Alle EU-Länder fordern eine Tollwutschutzimpfung, die im Internationalen Impfpass eingetragen sein muss. Gleiches gilt für die Kennzeichnung mit einem Mikrochip, dessen Nummer im Impfpass vermerkt sein muss. Bei Reisen außerhalb der EU sollten Sie sich sicherheitshalber vor Reisebeginn bei den Konsulaten und Botschaftern Ihres Reiselandes über die jeweils gültigen Einreisebestimmungen informieren.

Das Auto ist das beste Transportmittel, wenn Sie sich entschlossen haben, den Hund mitzunehmen. Machen Sie mindestens alle zwei Stunden eine Pause und gehen Sie ausreichend mit dem Hund spazieren. Gönnen Sie ihm auch eine Schüssel mit frischem Wasser, aber füttern Sie ihn erst, wenn das Reiseziel oder die Reiseetappe erreicht ist.

Für eine Flugreise muss der Hund rechtzeitig angemeldet werden. Bis zu fünf Kilo Körpergewicht dürfen Hunde meistens im Passagierraum auf dem Schoß von Frauchen oder Herrchen in einer Transporttasche mitreisen. Hunde, die schwerer sind, werden in einer Transportbox im klimatisierten Frachtraum befördert. Dennoch ist die Flugreise eine körperliche (oft auch nervliche) Strapaze, die dem Hund erspart werden sollte.

Eisenbahnfahrten von Hunden, die auf dem Schoß in einem Behältnis Platz finden, sind in Deutschland kostenlos. Für größere Hunde muss ein Kinderfahrschein gelöst werden.

Nehmen Sie genug Hundefutter mit. Eine Umstellung der Nahrung kann in Verbindung mit dem Klimawechsel den Organismus des vierbeinigen Urlaubers belasten und Durchfälle verursachen.

Lassen Sie den Hund vor Beginn der Reise gründlich vom Tierarzt untersuchen.

Berücksichtigen Sie bei der Zusammenstellung Ihrer Reiseapotheke auch den Hund. Ihr Tierarzt wird Sie gern beraten.

Wenn eine Haftpflichtversicherung für den Hund besteht, sind auch Schadensfälle im Ausland gedeckt.

 Katzen

Katzen bleiben am besten zu Hause. Die Stubentiger mögen die vertraute Umgebung und wollen möglichst keinen Ortswechsel – auch nicht vorübergehend. Katzenhalter, die verreisen wollen, sollten folgende Vorkehrungen treffen:

Ohne tägliche Versorgung und Betreuung der Samtpfote durch Nachbarn oder Freunde geht es nicht. Keinesfalls darf die Katze sich selbst überlassen bleiben.

Die Versorgung mit Futter und Wasser ist genauso wichtig wie die Beschäftigung mit dem Tier.

Arrangieren Sie rechtzeitig ein Treffen zwischen den Betreuern und Ihrer Katze, damit sich Tier und Mensch aufeinander einstellen können.

Sorgen Sie für ausreichend Futter und Katzenstreu.

Für den Fall, dass die Katze erkrankt, legen Sie den Impfpass und die Adresse des Tierarztes bereit.

Ermöglichen Sie ihrer Katze, auch weiterhin die von ihr bevorzugten Ruhe- und Schlafplätze zu erreichen.

 Vögel und andere Kleintiere

Kleintiere und Vögel bleiben ebenfalls am besten zu Hause. Auch sie müssen regelmäßig versorgt und betreut werden. Dabei ist Folgendes zu beachten:

Sind Vögel an Freiflug gewöhnt, so sollte er den Tieren auch während Ihres Urlaubes unter Kontrolle gewährt werden.

Der Vogelbauer sollte abends abgedeckt werden, wie sonst auch.

Die handelsüblichen Kleintierkäfige sind im Regelfall für eine dauerhafte Unterbringung zu klein. Meerschweinchen und Kaninchen sollten unter Kontrolle regelmäßig die Möglichkeit zum Auslauf haben.

Vögel und Kleintiere können auch in der Wohnung des Betreuers leben, während Sie im Urlaub sind. Oft ist das sogar die bessere Lösung, da die Tiere mehr Zuwendung erfahren.

 Betreuung im Tierheim oder in einer Tierpension

Wer seinen Hund nicht mit in den Urlaub nehmen kann und weder Nachbarn noch Freunde hat, die sich um das Tier kümmern können, sollte sich rechtzeitig um eine andere Möglichkeit bemühen. In Betracht kommen Tierpensionen oder Tierheime, die eine Ferienbetreuung anbieten. Unsere Tipps:

Nehmen Sie rechtzeitig Kontakt mit solchen Einrichtungen auf.

Klären Sie die Termine genau ab und lassen Sie sich den vereinbarten Zeitraum schriftlich bestätigen.

Schauen Sie sich die Unterbringung der Tiere genau an, schließlich soll es Ihrem Hausgenossen während Ihrer Abwesenheit gut gehen.

Sorgen Sie dafür, dass Ihr Tier auch weiterhin das gleiche Futter bekommt.

Geben Sie dem Hund oder ggf. der Katze das vertraute Spielzeug, den Schlafkorb, eine etwaige Schmusedecke und ein getragenes Kleidungsstück von Ihnen mit. Das alles kann dem Tier die Trennung erleichtern.

In Tierpensionen und Tierheimen werden Pensionstiere nur aufgenommen, wenn sie ausreichend geimpft sind. Diese Regelung dient auch dem Schutz Ihres Tieres.

Sind Sie sich hinsichtlich der ordnungsgemäßen Unterbringung und Betreuung des Tieres unsicher, fragen Sie Ihren Tierarzt, er wird Ihnen mit guten Adressen weiterhelfen können.

Vorsicht vor Vermittlungsportalen im Internet

Im Internet bieten Online-Portale die Kontaktaufnahme von Tierbesitzern und Tiersittern an. So können Tierhalter ihren Wohnort eingeben und nach entsprechenden Betreuungsplätzen in der Nähe schauen. Doch nach einer Recherche von Stiftung Warentest ist diese Art der Vermittlung nicht vertrauenswürdig, weil die Anbieter im Vorfeld nicht geprüft werden. So gibt es keine Garantie, ob die Haltungsbedingungen gut und die Tiersitter erfahren, seriös und verantwortungsbewusst sind.

In jedem Fall gilt: Schauen Sie sich den Betreuungsplatz für Ihr Tier vor Ihrem Urlaub an und ermöglichen Sie, dass sich Sitter und Tier vorab kennenlernen. Das gilt insbesondere für Hunde, die Sie in Pflege geben, aber für Katzen, die bestmöglich weiter in ihrem gewohnten Umfeld betreut werden. 

 

Überfischung der Meere

Interview mit Billio Heinzpeter Studer (fair-fish.ch)

"Überfischung macht Migration"

 Ein Interview mit Billo Heinzpeter Studer

 

Warum die Aquakultur keinen Ausweg zur Überfischung der Meere darstellt und welche Bedeutung der Fisch gerade für Entwicklungsländer hat, lesen Sie im folgenden Interview. Unser Gesprächspartner ist Billo Hanspeter Studer, der Gründer von fair-fish Schweiz und fair-fish International.

Der Tierschutz: Woher kommen die Fische, die auf Märkten, in Supermärkten und Discountern angeboten werden?

Billo Heinzpeter Studer: Aus aller Welt. Nachdem Europa die Fischbestände in den eigenen Meeren weitgehend überfischt hat, ist der europäische Markt bei weiter wachsender Nachfrage nach Fisch zum weltweit größten Importeur von Produkten aus aquatischen Tieren (lat. aqua "Wasser") geworden.

 Dabei kommen die Produkte zunehmend von den Küsten der Entwicklungsländer - und zwar oft nicht aus Fängen lokaler Fischer, sondern von großen subventionierten Fangschiffen aus Europa (und Asien), die ihre riesigen Fänge an Bord verarbeiten oder gefrostet zur Verarbeitung in Europa anlanden. Die Überfischung wird dadurch auf einst fischreiche Meeresregionen ausgeweitet. Die lokalen Kleinfischer gehen immer öfter leer aus, ihr Fang kann manchmal nicht einmal die Kosten des Benzins decken.

Der Tierschutz: Warum ist Fisch für Entwicklungsländer so wichtig?

Billo Heinzpeter Studer: Er ist deren Existenzgrundlage und für die Bevölkerung, die sich Fleisch kaum leisten kann, eine (einst) günstige Proteinquelle. Fisch ist sogar das wichtigste Handelsgut der Entwicklungsländer im Ernährungsbereich - wichtiger als Reis, Bananen, Kakao, Kaffee und Tee zusammengezählt.

Wenn Europa den Entwicklungsländern den Fisch wegnimmt, darf man sich nicht wundern, wenn viele Kleinfischer und Fischarbeiter ihr armes Land verlassen, um woanders ein Einkommen für ihre Familie zu finden.

Der Tierschutz: Diese Zusammenhänge will Ihr Verein fair-fish mit seiner neuen Kampagne "Überfischung macht Migration" aufdecken...  

Billo Heinzpeter Studer: Richtig. Ziel der Kampagne[1] ist es, Handel und Verbraucher dafür zu gewinnen, dass aus Entwicklungsländern nur noch Fisch importiert wird, der von lokalen Fischern gefangen und von lokalen Fabriken verarbeitet worden ist. Damit soll sichergestellt werden, dass der Mehrwert und die Arbeit im Herkunftsland bleibt und die Menschen nicht gezwungen sind, in unsichere Verhältnisse auszuwandern. Der Dachverband fair-fish international will die Kampagne später auf EU-Länder ausweiten, um die nächste Reform der Europäischen Fischereipolitik entsprechend zu beeinflussen.

Die derzeitigen fischereilichen "Partnerschaftsabkommen" der EU mit Entwicklungsländern dienen im wesentlichen den europäischen Akteuren in Fischerei und Vermarktung; die Herkunftsländer erhalten zwar von der EU eine Abgeltung für die Fangrechte, doch entspricht die bei weitem nicht dem aus den Fängen realisierbaren Wert. Ganz zu schweigen davon, dass die Zahlungen bei der betroffenen Bevölkerung gar nicht ankommen.

Der Tierschutz: Wäre es denn möglich, mit lokaler Kleinfischerei die Nachfrage nach Fisch zu decken?

Billo Heinzpeter Studer: Ja, sicher. Dazu ein paar Fakten: Ursprünglich aß der Mensch wenig Fisch. Erst seit sechs Generationen und vor allem mit zunehmender Industrialisierung von Fischerei, Verarbeitung, Kühllagerung und Transport nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Fisch zum alltäglichen Nahrungsmittel.[2]

Heute verzehrt jeder Mensch im Durchschnitt eine Fischmahlzeit pro Woche. Die industrielle Fischerei hat es dabei geschafft, 90 Prozent der weltweiten Fischbestände bis an den Rand ihrer Vermehrungsfähigkeit auszubeuten; ein Drittel dieser Bestände sind bereits über die Grenzen ihrer biologischen Leistungsfähigkeit hinaus befischt. Bei Fortsetzung dieser Praxis droht eine Dezimierung, die eine weitere kommerzielle Nutzung der Fischbestände unmöglich machen würde.

Nach den offiziellen Daten der UNO-Organisation für Landwirtschaft und Ernährung (FAO) wurden 2014 weltweit rund 93 Millionen Tonnen Fisch angelandet. Die Hälfte des Fanges stammt von lokalen Kleinfischern. Wären sie nicht der Konkurrenz durch die industrielle Fischerei ausgesetzt, könnten die Kleinfischer wesentlich mehr Fische fangen. Die handwerkliche Fischerei ist der industriellen auch sonst haushoch überlegen[3]: Sie schafft 25mal mehr Arbeit, braucht 75% weniger Subventionen, verbrennt 75% weniger Erdöl pro Kilo Fang - und ihre Fangmethoden sind rücksichtsvoller gegenüber der Umwelt und den Fischen.

Der Tierschutz: Warum gibt es so viele verschiedene Siegel für Fischprodukte - und wie glaubwürdig sind sie?

Billo Heinzpeter Studer: Es ist eine beliebte, aber auch bequeme Idee, dass ein einziges Label alle möglichen Ansprüche erfüllt. In der Realität ist das nicht nur unmöglich, es wäre auch kontraproduktiv.

Grundsätzlich kann kein Label allen Wünschen gerecht werden; jedes konzentriert sich auf die Lösung bestimmter Probleme. So gibt es bis heute kein einziges Fischsiegel, das außer der Ökologie auch das Leiden der Fische reduzieren und die Handelsbedingungen von Kleinfischern verbessern würde. Der Verein fair-fish hatte im Rahmen eines Projekts mit Kleinfischern im Senegal eine Zertifizierung aufgebaut, die für Tierschutz, Nachhaltigkeit und fairen Handel steht; leider war kein Partner im europäischen Markt bereit, eine faire Fischerei nach diesen Kriterien aufbauen zu helfen, weshalb das Projekt 2010 eingestellt werden musste.[4]

Wie gefährlich es wäre, auf ein einziges Siegel zu setzen, zeigt die massive Kritik, die dem vom WWF mitbegründeten Label MSC zusehends entgegenschlägt. Ehemalige Mitbegründer wie die Fischerei-Biologen Rainer Froese oder Daniel Pauly haben sich von MSC abgewandt, und heute kritisiert sogar der WWF einige der zertifizierten Fischereien als nicht nachhaltig. Zum Glück gibt es mindestens eine internationale Alternative, das Label "Friend of the Sea" (FOS). Dank dieser Konkurrenz ist MSC gezwungen, sein Verhalten zu verbessern, wenn es die Unterstützung des Handels nicht verlieren will.

Ähnlich gilt das auch für die Siegel bei Zuchtfischen.[5]

Der Tierschutz: Wenn ich zu Zuchtfisch greife, wirke ich der Überfischung der Meere entgegen. Warum ist das ein Trugschluss?

Billo Heinzpeter Studer: Weltweit wurden einer Studie zufolge im Jahr 2006 in der Aquakultur etwa 700 Gramm Fische verfüttert, um ein Kilo Zuchtfisch zu gewinnen. Das gilt aber nicht für die Aquakultur, die für den Markt in den Industrieländern produziert; der verlangt nämlich weniger nach Karpfen und anderen Friedfischen wie Tilapia oder Pangasius, sondern vor allem nach Raubfischen: Lachs, Forelle, Dorade, Wolfsbarsch, Garnelen und so weiter. Raubfische ernähren sich von Fisch, und bis heute ist es der Aquakulturindustrie trotz jahrelanger Anstrengung nicht wirklich gelungen, den Fisch im Futter durch andere Komponenten zu ersetzen. Im Jahr 2006 wurden für die Gewinnung von einem Kilo Zuchtlachs im Durchschnitt 4,9 Kilo Fisch verfüttert, als ein Verhältnis von 4,9:1,0. Bei Forellen betrug das Verhältnis 3,4:1,0, bei Meeresfischen wie Dorade oder Wolfsbarsch 2,2:1:0 und bei Garnelen 1,4:1,0.[6]

Das heißt: Die Aquakultur für Industrieländer ist keine Alternative zur Leerfischung der Meere, sondern trägt sogar dazu bei. Rund ein Viertel der weltweiten Fänge dient ausschließlich der Gewinnung von Futter für die Mast von Tieren, hauptsächlich von Zuchtfischen. Weil die Aquakultur seit den 1950er Jahren um sieben bis neun Prozent pro Jahr wuchs – die am stärksten wachsende Branche in der Nahrungsproduktion überhaupt! –, sind auch die Bestände dieser "Futterfische" unter Druck geraten. So musste etwa die Regierung von Peru die Befischung der einst unermesslichen Sardellenschwärme in den letzten Jahren mehrmals für eine bestimmte Zeit einstellen, um einen Zusammenbruch der Bestände vorzubeugen. Die weggefangenen "Futterfische" fehlen in der marinen Nahrungskette als Futter für andere Meerestiere; sie fehlen aber auch der lokalen Bevölkerung, die sich diese Fischarten, aber keine teureren leisten kann.

Der Tierschutz: Aquakultur klingt besser als Massentierhaltung. Und doch werden Zuchtfische unter denselben artwidrigen Bedingungen gehalten. Bitte beschreiben Sie, welche Fische heute in Massenzuchten aufwachsen und wie ihr kurzes Leben dort aussieht.

Billo Heinzpeter Studer: Aquakultur ist uns lange als Alternative zur Leerfischung angepriesen worden. Seit den 1950er Jahren wächst die Aquakultur um 7 bis 9 Prozent pro Jahr – die am stärksten wachsende Branche in der Nahrungsproduktion.[7] Der Motor dieses Wachstums ist nicht die Sorge um die Fischbestände, sondern die Hoffnung auf gute Gewinne in einem scheinbar grenzenlos wachsenden Markt. Dass bei diesem Tempo das Fischwohl lange auf der Strecke blieb, kann kaum verwundern.

Dies zu ändern trat 1997 der Schweizer Verein fair-fish an, zufällig gleichzeitig mit dem holländischen Verein Vissenbescherming. Die ersten Rufer in der Wüste wurden in der Branche erst belächelt, dann beschimpft, weil sie ihr Anliegen nicht aufgaben, sondern Verbündete bei Tierschutz- und Konsumentenorganisationen fanden.

Massentierhaltung ist ein Begriff aus der Nutzung von terrestrischen Tierarten (lat. terra "Erde", "Land"). In der Fischzucht wäre ich zurückhaltend mit diesem Begriff. Gewiss gibt es viele Zuchten, auch in Europa, in welchen die Fische in reizlosen Becken eng zusammengepfercht dahin vegetieren, genauso wie Mastschweine auf Vollspaltenböden oder Hühner in geschlossenen Hallen. Bei manchen Fischarten wie Afrikanischen Welsen oder Pangasius wird deren Genügsamkeit wie jene von Schweinen geradezu brutal ausgenutzt. Doch die zuträgliche Dichte und die Anzahl der Tiere muss je nach Fischart und je nach Ausgestaltung ihrer künstlichen Umwelt anders beurteilt werden.

Der Tierschutz: Gibt es inzwischen Tendenzen des Umdenkens?

Billo Heinzpeter Studer: Ja, in neuster Zeit beginnt sich das Blatt zu wenden. Zunehmend studieren Wissenschaftler Faktoren des Fischwohls, und weitblickende Fischzüchter interessieren sich für den Zusammenhang von Fischwohl, Produktionsergebnis und Qualität.

Seit 2013 erstellt fair-fish international eine Online-Datenbank über alle verfügbaren ethologischen (verhaltensbiologischen) Erkenntnisse jener rund 450 Fischarten, die in Aquakultur gehalten werden. Aufgabe dieser frei zugänglichen «FishEthoBase»[8] ist es, das gesammelte Wissen über die natürlichen Verhaltensweisen und Bedürfnisse der einzelnen Fischarten frei zur Verfügung zu stellen, zusammen mit wissenschaftlich abgestützten Empfehlungen an Praktiker zur Verbesserung des Wohls der von ihnen gefarmten Fische.

Seit 2018 beraten die Forscher der FishEthoBase auch vor Ort, auf Fischzuchtbetrieben, die sich für das Label "Friend of the Sea" zertifizieren ließen. Ziel: Fischwohl-Kriterien sollen dereinst Teil der Zertifizierung werden. Ähnliche Schritte machen derzeit auch andere Zertifizerungsschemata wie zum Beispiel ASC.

Wer aus ethischen Erwägungen auf Fleisch verzichtet, greift "alternativ" oft zu Fisch. Doch warum ist auch der Fischkonsum mit dem Tierschutzgedanken nicht vereinbar?

Billo Heinzpeter Studer: Die Fischerei ist, vor allem in ihrer industrialisierten Form, eine rücksichtslose Schlächterei.

In riesigen Schleppnetzen werden Abertausende Fische eingefangen und im Netz zusammengedrückt und verletzt. Wird das Netz dann hochgezogen, lässt der rasche Druckunterschied bei vielen Fischen Augen, Schwimmblasen oder gar Eingeweide hervortreten. Fische, welche die qualvolle Prozedur bis dahin überlebt haben, verenden im Todeskampf an Bord oder unter Bord bei der Verarbeitung. Betäubung gibt es nicht. Nicht zu sprechen vom Beifang unerwünschter Arten: Die Tiere werden zurück ins Meer gekippt, wo sie spätestens an ihren Fangverletzungen erliegen.

Ähnlich bei der Fischerei mit der großen Ringwade, die von zwei Schiffen im Kreis um einen Schwarm ausgelegt und dann zum Sack zusammengezogen an Bord gehievt wird. Erst ganz wenige dieser Fischereien arbeiten an Bord mit automatischen Betäubungsgeräten aus der Aquakultur. Immerhin ist der Beifang dieser Fangmethode in der Regel klein.

Die bis zu hundert Kilometer lange Langleine mit Tausenden von Haken zieht die gefangenen Fische stunden- bis tagelang durchs Wasser und verursacht gleichzeitig erheblichen Beifang.

Handwerkliche Fangmethoden sind meist rücksichtsvoller. Doch auch hier gilt: Betäubung der Fische ist die große Ausnahme. Zudem ist etwa der stundenlange Todeskampf in einem Stellnetz alles andere als "human".

Im Fischtest[9] von fair-fish gibt’s mehr Informationen über Fangmethoden und zur Frage, welchen Fisch man denn überhaupt noch essen darf. Was Zuchtfische betrifft, sind die Gründe zur Reduktion oder zum Verzicht auf Fisch genau die gleichen wie bei Fleisch.

 Person

Billo Heinzpeter Studer engagiert sich seit Jahrzehnten für das Wohl von Tieren, die zu Nahrungszwecken gehalten werden, zunächst zwanzig Jahre als Geschäftsleiter der Schweizer Nutztierschutzorganisation KAGfreiland und seit 1997 als Gründer und Präsident der Vereine fair-fish Schweiz und fair-fish international. Er leitete ein mehrjähriges Projekt mit handwerklichen Fischern im Senegal. Seit seiner Pensionierung lebt er in Italien und ist Gründer und Direktor der fischethologischen Datenbank FishEthoBase.

 

[1] www.fair-fish.ch/aktuell

[2] fish-facts 5, «Wieviel Fisch gibt's? Wieviel ist gesund?», www.fair-fish.ch/feedback/mehr-wissen

[3] fish-facts 17, «Fisch für alle ohne Industrie», www.fair-fish.ch/feedback/mehr-wissen

 

[4] www.fair-fish.ch/was-wer-wo/wo/senegal/

[5] ffish-facts 21: «Fischfutter: Nicht der Rede wert?», www.fair-fish.ch/feedback/mehr-wissen

[6] Albert G.J. Tacon, Marc Metian, Global overview on the use of fish meal and fish oil in industrially compounded aquafeeds: Trends and future prospects, Journal of Aquaculture, 2008. doi:10.1016/j.aquaculture.2008.08.015

 

[7] fish-facts 7, «Fischzucht», www.fair-fish.ch/feedback/mehr-wissen

 

[8] www.fishethobase.net

[9] www.fair-fish.ch/fischtest




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